Hey JAMAIKA-Koalition: darf ich mir was wünschen?

FDP, Grüne und die Union haben letzte Woche die Sondierungsgespräche begonnen. In den Medien dominieren Themen wie Flüchtlingspolitik oder innere Sicherheit. Aber was ist eigentlich mit der Familienpolitik?

Was macht eine gute Familienpolitik aus? Aus meiner Sicht ist gute Familienpolitik schlichtweg gute Politik für Familien. Dabei geht es nicht nur um direkte Familienleistungen wie Kinder- oder Elterngeld. Arbeitsmarkt-, Wirtschafts- und Finanzpolitik spielen eine ebenso große Rolle wenn es um die Frage geht, wie Familien unterstützt werden können.

Gleichberechtigte Arbeit, gleichberechtigte Betreuung

Im zuletzt heiß diskutierten Blogpost klang es ja bereits an. Für mich ist klar: Männer und Frauen sollten selbstverständlich gleichberechtigt arbeiten und Kinder betreuen können – wenn sie das wollen. Dafür müssen weitere Rahmenbedingungen geschaffen werden, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erhöhen, für Männer wie Frauen gleichermaßen. Hier finde ich mehrere Punkte spannend:

  • Der Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung ab 1 Jahr muss einfach rechtlich durchsetzbar sein. Die Situation in einigen Bezirken Berlins ist mehr als katastrophal. Selbst die Jugendämter kapitulieren.
  • Männer sollten genau so selbstverständlich in Elternzeit gehen können wie Frauen. Aktuell machen 75% der Männer max. 2 Monate Elternzeit, 75% der Frauen machen 10-12 Monate. Hier ist vielleicht ein anderes Elterngeld-Modell nötig – dazu werde ich mir in einem anderen Blogpost Gedanken machen.
  • Das Ehegattensplitting (aus dem Jahr 1958!!) gehört abgeschafft. Es fördert ein 1-Verdiener-Modell und sorgt dafür, dass sich die klassischen Strukturen aus arbeitendem Mann und zuhause bleibender Frau verfestigen. Das frei werdende Geld kann direkt in stark erhöhte Kinderfreibeträge investiert werden. Dies würde einen wirklichen Vorteil für Familien, nicht mehr nur für Ehen, bedeuten.

Sozial gerechte Entlastung von Familien

Wie können Familien mit Kindern, die damit den wichtigsten Beitrag zur langfristigen Sicherung der aktuellen Sozialversicherungssysteme leisten, entlastet werden? Wer neue Beitragszahler „zur Verfügung stellt“, sollte vielleicht an anderer Stelle belohnt werden? Ideen hierfür wären:

  • Zusätzliche Rentenpunkte für Eltern. Die ersten 3 bis 5 Lebensjahre von Kindern sollten doppelt angerechnet werden. So können Teilzeittätigkeiten aufgrund von Kinderbetreuung zumindest teilweise ausgeglichen werden.
  • Ein niedrigerer Mehrwertsteuersatz auf Baby- oder Kinderprodukte: Katzenfutter ist steuerlich günstiger gestellt als Windeln, Trüffel haben einen niedrigeren Mehrwertsteuersatz als Babynahrung. Ernsthaft?!
  • Obwohl in Berlin die KiTa-Gebühren gerade abgeschafft worden sind und wir uns über das eingesparte Geld natürlich freuen – war und bin ich dagegen. Die Betreuung der Kleinsten sollte zwar nicht mehrere hundert Euro im Monat kosten dürfen, aber Menschen die einen Beitrag leisten können, sollten diesen auch leisten. Ein Beitragssystem nach Einkommen gestaffelt ist sozial gerechter, als das jetzige Berliner Modell, bei dem Gutverdiener genau so viel bzw. wenig zahlen müssen wie Sozialhilfeempfänger. Das so eingenommene Geld könnte nämlich gut für den nächsten Schwerpunkt verwendet werden.

Mehr und besser ausgebildete Betreuung

Neben den Eltern spielen weitere Menschen eine wichtige Rolle im Leben der Kinder. Ich denke da an Hebammen, Erziehern und Lehrern. Insbesondere die ersten beiden Ausbildungsberufe sind kaum noch attraktiv. Ganz zu schweigen davon, dass die Ausbildungsinhalte vielleicht nicht mehr ganz zeitgemäß sind. Aber wie bekommen wir die potentiell besten Erzieher und Lehrer dazu, diesen Beruf gern auszuüben? Wie kann sichergestellt werden, dass die Ausbildung in diesen Berufen zeitgemäß ist?  Ideen hätte ich zumindest im Kita-Umfeld.

  • Kindererziehungsberufe sollten ein (Fachhochschul-)Studium voraussetzen, wie in vielen anderen europäischen Ländern. Aus meiner Sicht haben Kita-Erzieher den gleichen, wenn nicht einen größeren Einfluss auf Kinder, als Lehrer. Nicht zuletzt deshalb sollte eine gleichwertige Ausbildung Voraussetzung sein. Abgesehen davon erhöht ein Studium die Flexibilität und Karriereoptionen für diese Berufsgruppe.
  • Kinderbetreuungsschlüssel in KiTas verbessern, speziell bei Kleinkindern unter 3 Jahren.
  • Für diese Maßnahmen braucht man vor allem eines: mehr Menschen, die bereit sind, KiTa-Erzieher zu werden. Eine im Vergleich zu Lehrern schlechtere Bezahlung macht den Beruf nicht attraktiver. Deshalb sollten KiTa-Erzieher ein Gehalt bekommen, das der Verantwortung gerecht wird und zum Beispiel dem von Grundschullehrern entspricht.

Diese Punkte sind natürlich nicht leicht finanzierbar, gleichzeitig muss man sich klar machen, dass jeder in den ersten Lebensjahren in Bildung investierte Euro sich mehrfach rechnet.

Ich bleibe dran

Einige der genannten Punkte stehen tatsächlich so in den Wahlprogrammen der Jamaikaner, hauptsächlich in dem der Grünen. Sobald ein Koalitionsvertrag steht, schaue ich mir an, was dieser für Familien enthält.

Was wünscht Ihr Euch? Was befürchtet ihr? Wird die neue Regierung sich besonders familienpolitisch engagieren? Oder wird dieses Thema hinten an stehen?

2 thoughts on “Hey JAMAIKA-Koalition: darf ich mir was wünschen?

  1. Lieber Falk, super, dass Du das Thema hier ansprichst. Ich sehe es wie Du: Gute Kinderbetreuung ist ein Eckpfeiler für uns junge Familien. Mit und ohne Studienabschluss, ich finde unsere Tagesmutter toll – mir ist wichtig, dass sie und die Kleinen bei ihr glücklich sind. Ein weiterer Eckpfeiler ist meiner Meinung nach Flexibilität am Arbeitsplatz. Elternzeit für beide Elternteile ist wichtig, keine Frage. Aber genauso wichtig, ist, dass wir im Berufsleben nicht dafür „bestraft“ werden, dass wir auch einmal bei Tageslicht noch mit unseren Kleinen auf den Spielplatz gehen oder es ab und zu einmal selbst schaffen wollen, die Kleinen bei ihrer Betreuungseinrichtung abzuholen. Natürlich kann hier jeder gleich Teilzeit einwenden. Aber an der Teilzeit hängt meiner Meinung nach ein ganzer Rattenschwanz an (für mich) unliebsamen Konsequenzen. Also denke ich an flexibles Arbeiten – Telearbeit. Eine ganz tolle Sache! Aber das klappt nicht so gut, wenn man kurzfristige enge Fristen hat, die genau auf den Nachmittag fallen. Außerdem merke ich, dass auch die Telearbeit gerade unter älteren Kollegen und Chefs noch etwas mit Vorbehalten behaftet ist (deswegen trauen sich auch viele Männer (bei uns) nicht, sie zu beantragen!). Wieso denken wir also nicht darüber nach, die wöchentlichen Arbeitsstunden für junge Familien zu reduzieren? Müssen Vollzeit 40 bzw. 41 Stunden sein? Kann voll(wertiges), verantwortungsvolles Arbeiten nicht auch in weniger Wochenstunden geleistet und honoriert werden? Wenn ich meine Arbeit zur vollsten Zufriedenheit in 35 Stunden erbringen kann, warum ist das dann nur Teil-Zeit. Liegt darin nicht auch eine Herabstufung?
    Du schreibst Deinen Wunschzettel an die Politik. Ich denke, mit Blick auf die Demographie des Wahlvolkes – bei der nächsten Bundestagswahl 2021 wird der Altersdurchschnitt so hoch wie nie sein , da wird es sehr schwierig sein, mit Versprechen für und Subventionierung von Familien Wähler zu gewinnen. Viel leichter geht das mit der Mütterrente…. mal sehen, wie die Politiker (und spiegelbildlich wir in der Gesellschaft) es schaffen, das Bewusstsein dafür zu schärfen.
    Hoffentlich bis bald auf dem Spielplatz – ich freue mich auf Deine nächsten Posts!

  2. Liebe Chiara,

    sorry für die viel zu späte Antwort. Erst diese Woche habe ich diverse Artikel zu Experimenten mit 6-Stunden-Arbeitstagen in Schweden gelesen, bei vollem Lohnausgleich.

    Das funktioniert nicht immer gut, aber es gibt durchaus Möglichkeiten und Chancen.
    http://www.n-tv.de/wirtschaft/Der-Sechs-Stunden-Arbeitstag-Fallbeispiele-aus-Schweden-article17785301.html

    Über die eigenen Chancen, den Blick in der Gesellschaft zu ändern, habe ich schon versucht zu schreiben, und werde es weiter tun. Ich denke, dass auch finanzielle Instrumente wie das Elterngeld durchaus genutzt werden können, Gleichheit und Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern zu fordern und zu förden.

    Wenn wir alle dran bleiben, kann da etwas passieren. Ich bin ganz sicher. Liebe Grüße!

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