Papa trifft Papa: Fernerziehung

Papa trifft Papa geht in die zweite Runde. Vor kurzem erst hat Euch Julio an seinen Gedanken über zweisprachige Erziehung teilhaben lassen. Auf Facebook habe ich einen sehr berührenden Text von Johnnys Papablog verlinkt. Heute berichtet Ingo über die unerwartete „Fernerziehung“ seiner Tochter.

„Ich bin alleinerziehender Vater eines Teenagers und zwar einer 16-Jährigen Tochter. Alleinerziehend bin ich jedoch erst seit 2015. Davor habe ich 10 Jahre eine Fern-Vaterschaft geführt. Falls man das so nennen kann.

Ich freue mich ein wenig von meinen Erfahrungen teilen zu können, wie ich das Papa-Sein nach Scheidung und mit 9.000 Kilometern zwischen mir und meiner Tochter erlebt habe. Wie sich das auf die Beziehung zwischen uns beiden ausgewirkt hat und wie das so ist plötzlich eine Teenagerin alleine groß zu ziehen.

Ohne jetzt zu weit auszuholen, vielleicht ein paar Worte wie es dazu kam, wie es jetzt ist und damals war. Ich wollte immer Kinder haben. Das war für mich nie eine Frage. Ich komme aus einer heile-Welt-Familie. Meine Eltern gehen hart auf die goldene Hochzeit zu. Der Dreiklang: „Heirat, Kinder, bis ans Ende unser Tage“ war auch meine Vorstellung. Dass es anders laufen könnte, war in meiner jugendlichen Naivität nicht denkbar. Geschieden – das sind die anderen.

Diese Naivität hat mich wohl damals viele der Zeichen unterschätzen lassen. Eine Trennung fällt ja nicht vom heiteren Himmel. Hat immer eine Vorgeschichte und beigetragen haben zuvor auch meist beide Partner.

Nun, ganz blind war ich nicht. Es war nicht zu übersehen. Es lief nicht gut zwischen meiner Ex und mir. Als unsere Krise akut wurde, waren wir bereits knapp 8 Jahre ein Paar, seit bald vier Jahren verheiratet und unsere Tochter mittlerweile 3,5 Jahre alt. Wir konnten kaum noch kommunizieren und meine Aufmerksamkeit konzentrierte sich voll auf meine Tochter. Die freute sich immer und machte mir keine Vorwürfe. Meine kleine Flucht vor der Konfrontation – stundenlange Ausflüge alleine mit Ihr. Nur Papa und Tochter.

Meine Ex-Frau machte irgendwann den Vorschlag für ein paar Monate Ihre Verwandtschaft in den USA zu besuchen. Zeitlich abgestimmt auf den Start des Kita-Platzes, den wir in einer bilingualen deutsch-amerikanischen Kita erhalten hatten. Damals dachte ich, es wäre eine gute Idee und hatte die naive Hoffnung. Abstand könnte uns irgendwie helfen. Es riss mir dann den Boden unter den Füßen weg, als plötzlich ein Anwaltsbrief ins Haus flatterte. Sie reichte die Scheidung ein. Aus den USA. Es mussten so zwei bis drei Monate vergangen sein, dass ich sie beide in Phoenix, Arizona bei Ihrem Cousin und Großvater abgesetzt hatte. Der Zeitpunkt der geplanten Rückkehr nach Berlin war nicht mehr lange hin.

Fragen beantwortete sie mir nicht. Ich kriegte wöchentlich nur noch wortlos meine Tochter vor den Computer gesetzt. Der Videochat (damals noch eine etwas wackelige Angelegenheit) war der einzige Austausch mit meiner Tochter.

Es stellte sich raus meine Ex-Frau hatte längst eine neue Beziehung, war bereits schwanger und lebte mit ihrem neuen Partner zusammen.

Ab diesem Zeitpunkt war für mich klar. Sie wird nie wieder zurück nach Deutschland kommen und somit auch meine Tochter nicht. Wut und Verzweiflung ließen mich einen Plan aushecken, wie ich meine Tochter „zurückhole“. Nach einer Rechtsberatung war ich zunächst etwas desillusioniert. Ich hätte kaum eine realistische Chance gehabt als Deutscher in den USA von einer amerikanischen Staatsbürgerin das Kind zurückzubekommen. Der Plan zum Schluss war nichts anderes als eine „Entführung“ zurück nach Deutschland.

Ich hatte eigentlich schon alles durchgeplant. Bei einem Besuch in den USA zur Klärung von Details zur Scheidung wollte ich mit Ihr einen kleinen Ausflug machen. Und zwar direkt zum Flughafen zurück nach Deutschland.

Nachdem dieser Plan stand, machte ich mich an die Planung für die Zeit danach. Und hier wurde mir die Kurzsichtigkeit und der Egoismus meines Vorhabens klar. Die Zukunft mit meiner Tochter hätte dann so ausgesehen:

  • Keinerlei Besuche mehr in den USA. Denn dann wäre ich als Kindesentführer einer US-Amerikanerin bestimmt kurzerhand ins Gefängnis gewandert, meine Tochter unwiederbringlich in den USA geblieben und ein Besuchsrecht bestimmt eine komplette Illusion.
  • Als Mensch, der in der Woche damals eher 50 – 60 als 40-Stunden arbeitete, hätte ich meine Tochter in Berlin dann nur vom Kindergarten zu meinen Eltern oder Babysittern hin- und hergefahren. Noch mehr Chaos, noch mehr Entfremdung.
  • Und ich hätte Ihr Ihre Mutter und zukünftiges Geschwisterchen weggenommen. Sicher, so wurde Ihr der Vater genommen, aber welches Recht hatte ich das gleiche zu tun?

Ich hätte unser Tochter nur noch mehr Schmerz und Traumata zugefügt und hätte sie in einen üblen Rosenkrieg reingerissen. Alles nur um sie bei mir zu haben. Das war definitiv keine Option und purer Egoismus. Die Situation war so schon traumatisch genug für sie.

Also schluckte ich meinen Stolz und überlegte mir wie ich unter Anbetracht der Umstände bestmöglich für meine Tochter da sein könnte. Es war klar, dass mit 9.000 Kilometern zwischen uns sowas wie „jedes zweite Wochenende“ nicht möglich wäre.

Mein Wunsch und mein Ziel von nun an war es unsere Beziehung so eng und einzigartig werden zu lassen, wie es unsere Umstände zulassen. Mir war schon damals klar, eines Tages wird sie alt genug sein, um selbst entscheiden zu können wo sie leben möchte. Und sie hat es getan.

Thank you Internet

Wir schreiben hier das Jahr 2005. SMS-Nachrichten kosteten per Nachricht noch 19 Cent und auch sonst war noch einiges in den Kinderschuhen. Gefühlt hat sich manches davon in Deutschland zwar noch nicht verbessert, aber das ist wohl ein Rant in einem anderen Blog.

Es gab aber schon Video-Chats. Bereits als der erste Plan des USA-Besuches aufkam war dies einer der Wege durch die ich mich irgendwie damit arrangieren konnte meine Tochter für ein paar Monate nicht zu sehen. Ich kann ja regelmäßig mit Ihr video-chatten. So kaufte ich vor der Reise ein Macbook und eine gute Webcam für meine Ex-Frau und das gleiche Equipment für mich.

Vom Anbeginn Ihrer Zeit in den USA hatten wir ein festes Ritual – mindestens einmal in der Woche (meist am Wochenende) hatten wir unseren Chat. Wie wichtig Rituale und feste Strukturen sind, lernen Eltern ja früh. Für mich war dies immer das Highlight der Woche.

Und ich versuchte den Kanal so gut auszureizen wie es irgendwie ging. Ich besorgte mir Kasperle-Puppen und spielte darüber Kasperle-Theater, ich versammelte Freunde und Verwandte zu den vereinbarten Zeiten mit mir vor der Kamera und las Ihr Bücher über die Webcam vor.

Es gibt aber auch Kehrseiten. Zunächst einmal bleibt auch dieser ein ziemlich eindimensionaler Kanal. Gerade Kleinkinder verlieren schnell das Interesse. Und mit einem knapp vierjährigen Kind ein Gespräch am Laufen zu halten, ist schwer. Umso schwerer wenn der letzte persönliche Kontakt bei dem man sich richtig in den Armen gehalten hat, schon Monate her war.

Immer wieder gab es auch die Wochenenden, wo ich kurz zuvor eine Mail erhielt, in der es hieß „Deine Tochter will heute nicht reden.“ Oder nach bereits ein paar Sekunden ein merklich genervtes Kind sagte „Papa, ich will lieber spielen gehen – tschüss…“ – Wenn dieser Chat zu Deinem Highlight der Woche wird, sind solche Nachrichten dann doppelt hart und versetzen Dir einen weiteren Nadelstich ins Herz.

Und dann sind da ja noch die Zeitzonen. Von Berlin nach Phoenix waren es 8-9 Stunden (je nach Zeitumstellung). Üblicherweise waren wir so verabredet, dass es für sie früh und für mich abends ist. So weit so gut. Meist passte es auch.

Doch dann gibt es die Ausnahmen. Immer wenn es dann Ihrerseits vielleicht einmal Mittag oder nachmittag wurde, rutschte ein Chat mit Ihr für mich auch mal tief in die Nacht.

Mittlerweile kann ich ja Face-Timen, Skypen oder Video-Whatsappen von fast überall aus. Es sei denn ich bin O2-Kunde oder befinde mich in Brandenburg. 2005 und auch noch viele weitere Jahre bedeutete eine Verabredung zum Video-Chat jedoch die Notwendigkeit mit einem Rechner an einer DSL-Leitung zu hängen. Insofern schränkte sich meine Freiheit an Tagen mit Verabredungen mit meiner Tochter auch ein. Konversationen wie diese mit Freunden oder neuen Beziehungen gab es immer wieder:

„Hey, kommst Du mit nach XY?“

„Gern, wann geht es dann wieder zurück?“

„Mal sehen, vielleicht so um 20 Uhr.“

„Sorry, kann ich nicht. Ich bin um 18 Uhr mit meiner Tochter verabredet.“

„Hä, ich dachte Deine Tochter ist in den USA?“

„Ja, und wir haben um 18 Uhr eine Verabredung zum Video-Chat. Machen wir jedes Wochenende.“

„Na dann verschiebst du den halt.“

„Nein“

„Oder lässt halt mal ausfallen. Einmal nicht ist doch nicht so schlimm.“

„Doch, ist schlimm. Keine Option. Sorry, müsst Ihr ohne mich fahren.“

„Du spinnst.“

„F**k Dich!“ (okay, so eskalierte es nicht immer)

Wer mich nicht gut kannte und nicht wusste wie wichtig diese Chats für mich waren, reagierte oft mit Unverständnis. Und nicht selten entwickelte sich aus solchen Gesprächen auch ein handfester Streit. Denn gerade zu Beginn meiner Umstellung zum virtuellen Papa war ein Infrage-Stellen dieser Struktur oder der Versuch mich Umzustimmen ein gefühlter weiterer Versuch mir den Kontakt mit meinem Kind streitig zu machen. Und da verstand ich keinen Spaß.

Gerne hätte ich im Nachhinein das eine oder andere mal hier gerne anders reagiert, aber damals war mir das nicht möglich. Ich hatte was die Kommunikation und den Kontakt mit meiner Tochter betraf einen Tunnelblick. Im Guten wie im Schlechten.“

Vielen Dank an Ingo für diesen emotionalen Beitrag. Demnächst gibt es noch eine Fortsetzung. Wie ihr Euch denken könnt, ist die Geschichte an dieser Stelle noch nicht zu Ende.

Falls auch Ihr eine Geschichte teilen möchtet, die sich um das Vatersein dreht oder irgendeinen Aspekt aus Vätersicht beleuchtet, dann meldet Euch gern bei mir. Ich bin immer offen für Eure Geschichten und hoffe, dass ich Euch noch einige nahebringen kann.

 

2 thoughts on “Papa trifft Papa: Fernerziehung

  1. Ich finde mich in ein paar Punkten von Ingo wirklich wieder. Auch ich bin geschieden und auch bei mir wurde versucht, mir das Kind zu entziehen (allerdings ohne diese wahnsinnige Entfernung). Nur durch meine Ausdauer und Beharrlichkeit kam mein damals dreijähriger von selbst auf die Idee, dass es gut ist auch mal beim Papa zu sein. Seinem Bedürfnis mich regelmäßig sehen zu wollen, verdanke ich meine heutige 50/50 Regelung. Ich hätte, zum Wohl des Kindes, nicht um ihn gestritten….meine Ex-Frau aber sehr wohl. Viel zu oft wurde mir kurz vor dem Besuchstermin eine Geschichte aufgetischt, warum der kleine nicht mit zu mir kann, viel zu oft bin ich unverrichteter Dinge von dannen gezogen, viel zu oft habe ich ,zum Wohl des kleinen, einfach ja und Amen gesagt. Ein sehr kluger Mann sagte mal: „Steter tropfen höhlt den Stein“. Ein Satz der sich durch mein ganzes Leben zieht.

    Ich mag Geschichten mit Happy End!

    Toller Beitrag Ingo.
    Danke Falk fürs zeigen.

    LG Heiko

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