Papa trifft Papa: Fernerziehung – Teil 2

Ihr erinnert Euch sicher an den Gastbeitrag von Ingo zum Thema Fernerziehung. Heute erzählt er im zweiten Teil seiner Geschichte, wie er die räumliche Trennung von seiner Tochter erträglicher gemacht hat und wo die beiden heute stehen. Danke für deine offenen Worte, Ingo.

Die Videochats mit meiner Tochter waren ein wichtiger Anker in meiner Kommunikation mit meiner Tochter. Aber sie waren nicht der einzige Weg den Kontakt zu halten. Ich dachte es braucht auch etwas Analoges und Haptisches. Ich erinnerte mich daran wie damals in jedem Urlaub mit meinen Eltern es einen Tag gab an dem wir uns mit einem Stapel Postkarten hinsetzten und Karten an alle Verwandten und Freunde schrieben.

Irgendwie war das ja jetzt nur sowas wie ein extra langer Urlaub redete ich mir ein. Also fing ich an Postkarten zu schreiben. Jede Woche eine. Überall sammelte ich die lustigsten Gratis-Werbepostkarten ein. Und immer wenn ich auf Geschäftsreise war, besorgte ich mir eine Karte in der Stadt, in der ich mich gerade aufhielt. Auch wenn es nur ein Tagestrip war. Über die Jahre, in denen wir getrennt waren, muss ich Ihr wahrscheinlich so zwischen 300 und 400 Postkarten geschrieben haben. Vor zwei Jahren hab ich dann „Sophia, der Tod und ich gelesen“. Ein wirklich tolles Buch und ich war  recht überrascht, dass das mit dem Postkartenschreiben vielleicht sogar sowas wie ein Urinstinkt von Papa-Kind-Fernbeziehungen ist. Auch wenn ich es nicht wie der Protagonist in Thees Uhlmanns Geschichte auf eine Karte pro Tag geschafft habe.

Eine Sache vermisste ich besonders. Das Vorlesen der Gute-Nacht-Geschichte. In der Zeit als meine Tochter noch in Berlin mit mir lebte, war das unter der Woche oft das Einzige, was wir miteinander teilen konnten, weil ich meist spät nach Hause kam. Und so fing ich wieder an, Ihr Bücher vorzulesen. Ich nahm es kapitelweise auf und schickte die Audiodateien (oder manchmal Video-Dateien) als Mail-Anhang an meine Ex-Frau. Auch wenn es ein asynchrones Vorlesen war, so teilten wir gemeinsam das Erlebnis und die Geschichte. Und immer wenn wir uns dann zum wöchentlichen Videochat sahen, konnten wir uns über die Geschichte unterhalten. Das mit dem Bücher-Vorlesen haben wir weitergemacht, bis sie 13 Jahre alt war.

Aber all das Schreiben, Vorlesen und Chatten blieb natürlich nur eine Krücke für den persönlichen Kontakt. Und so wurden die gemeinsamen Urlaube zum Höhepunkt und wichtigsten Fixpunkte für mich. Ich fing an meine persönliche Zeitrechnung in Wochen / Monate bis zum nächsten gemeinsamen Urlaub zu unterteilen. Limitierender Faktor dafür waren a) Urlaubstage (klar) und b) Geld (ebenfalls klar). Leider waren Flüge nach Phoenix (Arizona) und später Grand Junction (Colorado) nicht zu Schnäppchenpreisen wie Trips nach New York zu kriegen. Und so hieß es immer sparen für den nächsten gemeinsamen Urlaub.

Wir hatten eigentlich zwei feste Termine im Jahr: Springbreak (meist so März bzw. um unser Ostern rum) und dann die Sommerferien. So war es zumindest ab dem Zeitpunkt, wo meine Tochter dann zur Schule ging. Springbreak war immer eine Woche. Da meine Ex-Frau relativ bald nach Colorado umgezogen ist, verbrachten wir Springbreak fast immer in den Rockies beim Snowboarden. Es war unser Ding. Neben der großartigen Zeit, die wir beim Snowboarden hatten, war es für mich zusätzlich eine besondere Zeit. Ich verpasste so viele Momente. Und ich konnte ihr so viele Dinge nicht beibringen, die ich Ihr gerne beigebracht hätte. In so vielen Momenten nicht helfen, wo ich Ihr gerne geholfen hätte. So war es für mich zusätzlich besonders sie dabei zu begleiten Snowboarden zu lernen, mit allen Erfolgen und Misserfolgen, die damit verbunden sind. In gewissermaßen war das für mich eine in einer Woche komprimierte Kompensation all der Momente, die ich verpasste.

Und hier machte sich auch der permanente Kontakt über Chat, Bücher vorlesen und die Postkarten bemerkbar. Ab dem Zeitpunkt wo ich in den USA bei Ihr ankam waren wir sofort ein Herz und eine Seele. Zu Beginn unserer Trennung befürchtete ich immer, dass wir bei unserem Wiedersehen erst einmal etwas brauchen, um miteinander warm zu werden. Ich hatte Angst vor der Entfremdung. Aber das war eigentlich nie der Fall.

Meinen restlichen Jahresurlaub packte ich dann in den Sommer. Die Sommerferien in den USA waren zu der Zeit noch lang.  Und meine Tochter blieb die meiste dieser Zeit bei mir. Oft zwei Monate oder mehr. Ich versuchte dann immer einen Teil meines Urlaubs mit Ihr in Berlin und Umland und einen Teil mit einer etwas größeren Reise zu verbringen. Portugal, Polen, Italien, Frankreich, Schweden, Holland, Griechenland. Wir sind einigermaßen rumgekommen in den Jahren.

Zu Beginn war das mit dem Reisen nach Deutschland und zurück oft etwas problematisch. Alleine Reisen mit 4 oder 5 ging entweder noch nicht oder wollte ich Ihr nicht zu früh zumuten. Die Flüge mit bis zu dreimal Umsteigen dauerten oft 18 Stunden oder mehr. Die Hinreise flog sie dann oft mit Ihrer Großmutter. Sie flog zu der Zeit regelmäßig im Mai in die USA. Die Rückflüge von Deutschland in die USA begleitete ich dann Cyan immer bis sie alleine fliegen konnte. Für mich waren dies dann mehr oder weniger Taxi-Flüge. Mit ihr in die USA, zwei Tage dort bleiben und dann wieder zurück.

So flogen die Jahre dahin. Ich fokussierte mich die Jahre aufs Arbeiten und meine Urlaube mit Ihr. Ich bin froh, dass ich es geschafft habe über all die Jahre und die Distanz, unsere Beziehung aufrecht zu erhalten und zu vertiefen. Es blieb aber auch einiges auf der Strecke. Ich glaube ich habe in diesen Jahren einen Tunnelblick gehabt, der mich auch darin gehindert hat etwas mehr für mich selbst zu tun.

Als Cyan dann 13 Jahre alt war, entschied sie sich statt nur einen Sommer lang ein ganzes Jahr bei mir zu bleiben. Und aus dem einen Jahr sind jetzt drei geworden und sie bleibt weiter hier, um Ihr Abitur zu machen und weiter in die Welt zu starten.

Wenn ihr mehr von Ingo lesen, sehen und hören wollt, dann schaut doch mal bei seinem neuesten Podcast-Projekt vorbei. In der neuesten Folge kommt seine Tochter selbst zu Wort.

Und falls ihr selbst eine Geschichte als Papa habt, die ihr gern teilen wollt, meldet Euchbei mir. Die Rubrik „Papa trifft Papa“ lebt von Euch.

Viele Grüße,

Euer Falk

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