Working Dads #2 – Holger aus Berlin

Heute gibt es Teil 2 in der Reihe „Working Dads – Väter und Vereinbarkeit“: Holger lebt in Berlin und hat einen Sohn. Er arbeitet in Schichten und versucht das beste aus der Situation, auch wenn er nicht zufrieden ist. Der Leidensdruck ist noch nicht groß genug, auf die Suche nach einem neuen Job zu gehen – aber Holger hat eine klare Vorstellung davon, was er will: für seinen Sohn da sein!

Vielen Dank an Holger für die Beantwortung der Fragen!

Allgemein

Erzähl mir doch kurz etwas über Dich (wer bist Du, wie alt bist Du, wo bist Du aufgewachsen, wie sieht Deine Familie aus? Etc.)

Ich heiße Holger, bin 42 Jahre alt. Geboren im Westerwald aber mit ca.4 Jahren nach Berlin gezogen. Damals sind meine Eltern mit uns Kindern hierhergezogen, aus beruflichen Gründen – und ich glaub auch um dem Dorf den Rücken zu kehren und was neues zu wagen.  Zwei Schwestern nenne ich mein eigen, eine 4 Jahre älter, eine 4 Jahre jünger. Also aufgewachsen bin ich in Berlin Schöneberg.

 

Betreuungssituation

Bist Du Alleinerziehend? Lebst du mit der Mutter Deiner Kinder zusammen? Wie teilt Ihr Euch die Betreuung auf?

Ich lebe mit der Mutter meines Sohnes zusammen. Den Großteil der Betreuung macht, neben dem Kindergarten, meine Lebensgefährtin aufgrund meiner beruflichen Situation. Wenn ich aber zu Hause bin, sehe ich zu, dass 100% Papa anwesend ist.

 

Warum habt Ihr Euch für dieses Modell entschieden?

Aus beruflichen Gründen

Foto_Holger
Holger und sein Sohn

Habt Ihr/hast Du Unterstützung (Babysitter, erweiterte Familie, etc.)? Wenn ja, welche?

Meine Eltern wohnen (manchmal „leider“, manchmal „Gott sei Dank“) nur ca. 500m von uns entfernt. Im Notfall sind also Oma und Opa Väterlicherseits für ihn und uns da. Die Mutter meiner Freundin ist leider während der Schwangerschaft meiner Freundin verstorben, ihr Vater wohnt in Charlottenburg, also nicht gerade um die Ecke und ist auch nicht so sehr interessiert an unserem Leben (wie es scheint).

 

Beruf

Hast Du einen Job? In welchem Beruf arbeitest Du? Wie sind die Rahmenbedingungen (Arbeitszeiten, Schichten, Anfahrt, etc.)?

Derzeit bin ich als Schichtleiter in der Produktion beschäftigt, davor als Projektleiter in derselben Firma. ich möchte gerne erwähnen, dass ich in der Firma die Position gewechselt habe, weil ich einen Burnout hatte. Ich möchte nicht sagen, dass es allein vom Beruf kam. Das Kind kam zur Welt und ich war unglaublich verliebt in den kleinen und was will man als Vater? 100% Papa sein! Und gleichzeitig auch die Familie ernähren also 100% seinen Job machen. Und dass ich keine 200% geben konnte habe ich zu spät gemerkt.

Der Beruf als Projektleiter war spannend und ich war viel unterwegs, hatte durch Vertrauensarbeitszeit die Möglichkeit meinen Tag zu gestalten. Kinderarzt Termin um 13:00? Kein Thema, gehe danach wieder ins Büro/Meeting. Aber andersrum hieß es auch: Wochenende schnell noch eine Präsentation fertig machen! Im Urlaub zu Hause? Oh je – Chef weiß Bescheid. Telefon klingelt, man fährt ins Büro. Nach drei Tagen DIenstreise 20 Uhr zu Hause? Hallo sagen, Kind und Frau Knutschen und schnell Unterlagen für die Meetings Morgen vorbereiten. Und gleichzeitig jede freie Minute mit dem Kind verbringen versuchen…

Im Mai 2018 kam ich aus der Krankheit und mir wurde die Stelle als Schichtleiter angeboten und ich habe sie angenommen (ich hänge an dieser bekloppten Firma und wollte keinesfalls gehen, außerdem musste wieder Geld in die Kasse nach der langen Krankheit). Nun habe ich 3 Schichten, 06:00 bis 14:00, 14:00-22:00 und 22:00 bis 06:00 Uhr. Gewechselt wird im Wochenturnus (1 Woche Früh, Nacht Spät, Früh, Nacht, Spät usw.). In der Frühschicht gehe ich um 04:40 Uhr aus dem Haus, sehe mein Kind erst nachmittags gegen 15:30 und bringen ihn in der Woche auch abends ins Bett, gegen 19:00.  In der Nachtschicht gehe ich um 20:00 ca. aus dem Hause, versuche den kleinen abends noch ins Bett zu bringen (gerne spielt er dann mit Mama: Papa ist weg? Dann kann die Party ja losgehen), morgens komme ich dann Frühestens 07:30 nach Hause und kann den beiden auf dem Weg zu Kita noch winken. um 15:30 kommen die beiden dann nach Hause und ich habe bis dahin Zeit zum Schlafen. Da ich samstags aus der Nachtschicht komme und entsprechend zu Hause bin warte ich meist bis die beiden wach werden und meine Freundin geht mit dem kleinen zu meinen Eltern, damit ich so 4-5 Stunden schlafen kann…. ich muss mich ja dann schon wieder auf die Spätschicht Montag einstellen und man will ja am Wochenende was mit dem kleinen Prinzen machen. Spätschicht ist dann so, dass ich um 07:00 mit aufstehe, helfe den kleinen für die Kita fertig zu machen, mich wieder hinlege bis ca. 11:00, Frühstücken, fertig machen und gegen 12:30 aus dem Haus gehen. Abends bin ich dann zwischen 23:00 und 23:30 Uhr zu Hause, beide schlafen dann schon. D.h. in so einer Woche sehe ich mein Kind 30-40 min am Tag 🙁 Aber 18:00 ist ein Videocall per Whatsapp oder Facetime eingeplant 🙂

Ich kann nun nach Feierabend Arbeit Arbeit sein lassen, muss keine Mails lesen, mich ruft keiner an. Feierabend ist Feierabend, Wochenende ist Wochenende und Urlaub ist Urlaub.

 

Kannst Du Arbeits- und Familienleben gut miteinander vereinbaren bzw. bist Du mit der Situation zufrieden?

Die Situation ist annehmbar, aber nicht schön. Ich kann nach Feierabend abschalten aber die Schichtarbeit ist, mal abgesehen von der Gesundheit, nicht gut für das Familienleben.

 

Was müsste sich an Deinem Job ändern, damit Du mehr Zeit mit deinen Kindern verbringen kannst?

Ich müsste einen Job finden, der es zulässt, dass

  1. Ich gleich wie jetzt oder besser verdiene
  2. keine Schichtarbeit
  3. keine Verpflichtung nach Arbeitszeit noch zu arbeiten

wobei letzteres in keinem Arbeitsvertrag steht 😀 aber die meisten ja doch machen, weil man seinen Job behalten will und je nach Verantwortung ….

 

Was kann nach Deiner Meinung Dein Arbeitgeber dafür tun, dass du mehr Zeit mit deiner Familie hast?

Mir oben genannte Stelle anbieten 🙂

 

Was könntest Du/was könntet Ihr selbst tun, damit du mehr Zeit mit deiner Familie hast?

Mich endlich von meiner jetzigen Firma loseisen und was Neues suchen, etwas was zu mir passt und mir die Möglichkeit gibt, meine Familie mehr in den Vordergrund zu stellen.

 

Was hält Dich/Euch davon ab, das zu tun?

Das ist eine gute Frage … Faulheit was Neues zu suchen? Ich meine, die jetzige Firma ist mein Wohnzimmer, man weiß was zu tun ist, kennt seine Pappenheimer, kann auf kurzem Wege mal schnell was klären und natürlich der Festvertrag! Bei was Neuem geht es wieder los das zittern, Probezeit. Klar, ich kenne meine Stärken, weiß was ich kann und dass ich gut bin darin. Aber mir kann keiner sagen, dass er nicht während der Probezeit angespannter ist 🙂

 

Letzte Worte

Welche weiteren Gedanken zum Thema hast Du?

Ich denke das Thema Vater/Papa sein und Job ist echt ein schweres. Ich kenne Väter, die in Schicht arbeiten (4 Schicht) die das vermeintlich lockerer nehmen. Sie sagen: „Ich hab dann halt mal Montag und Dienstag Wochenende oder Dienstag und Mittwoch und weißt Du, wie Hammer das ist wenn meine Frau arbeiten ist und die Kleine in der Kita?“ Finde ich grenzwertig, für mein Empfinden. Und genauso kenne ich die „Businesspapas“ die ihrer Frau alles an Hilfe zur Seite engagieren, um Karriere zu machen und die viel oder nur Unterwegs sind. Am Ende muss es jeder für sich wissen, ich weiß: Ich will arbeiten um meinem Kind das zu bieten was ich der Meinung bin ihm bieten zu müssen und in meiner Freizeit will ich für mein Kind da sein, toben, spielen, vorlesen etc, egal wie kaputt und müde vor oder nach der Arbeit ich bin.

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