Working Dads #3 – Michael aus der Schweiz

Wusstet ihr, dass Väter in der Schweiz genau einen Tag Vaterschaftsurlaub bekommen? 24 Stunden, dann heißt es zurück ins Büro oder an die Werkbank.

Michael ist IT-Berater, er lebt in der Schweiz und hat eine Tochter. Er hat ein Jahr unbezahlten Urlaub genommen, um seine Tochter am Beginn des Lebens intensiv zu begleiten.

Danke Michael, für die Beantwortung der Fragen und deinen Beitrag!

Allgemein

Erzähl mir doch kurz etwas über Dich (wer bist Du, wie alt bist Du, wo bist Du aufgewachsen, wie sieht Deine Familie aus? Etc.)

Ich heiße Michael, bin 37 Jahre alt und glücklicher Vater einer einjährigen Tochter.  Zusammen mit meiner tollen Freundin (42 Jahre) leben wir in einem stadtnahen Wohnquartier in Zürich mit vielen Familien.

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Michael mit seiner Tochter

Betreuungssituation

Bist Du alleinerziehend? Lebst du mit der Mutter Deiner Kinder zusammen? Wie teilt Ihr Euch die Betreuung auf?

Bei der Entscheidung für ein Kind war uns von Anfang an klar, dass wir uns beide fair die Betreuung aufteilen würden. Meine Freundin war da anfangs sogar aufgrund Erfahrungen aus dem Freundeskreis und meinem damals hohen Arbeitspensum skeptisch, hat mir dann aber doch vertraut.

Wir leben in der Schweiz, wo Kindeserziehung im Gegensatz zu Deutschland größtenteils Privatvergnügen ist – es gibt nur 4 Monate Mutterschaftsurlaub und einen TAG Vaterschaftsurlaub.

Nach der Geburt unserer Tochter blieb meine Freundin ein halbes Jahr zu Hause und ich ein komplettes Jahr. Mir war es wichtig, dass ich sie einerseits direkt nach der Geburt unterstütze, andererseits sie nicht in das klassische Rollenmuster zwingen wollte, in der sie als Frau zu Hause bleibt und ich als Mann früh wieder arbeiten gehe. Und – na klar – hatte ich auch große Lust, unsere Tochter das 1. Jahr voll zu begleiten und mir ihr viel zu erleben.

Jetzt, nach einem Jahr, pendeln wir uns langsam ein. Unsere Tochter geht 3 Tage/Woche in die Kita. Wir arbeiten beide zu 80% (4 Tage voll), sodass unsere Tochter nun Montags Mamatag und Freitags Papatag hat. Das macht uns allen großen Spaß! Diese Umstellung dauert(e) allerdings sehr viel länger als gedacht – leicht ist das nicht.

Warum habt Ihr Euch für dieses Modell entschieden?

Uns ist es wichtig, alles fair aufzuteilen. Unsere Tochter macht uns super glücklich, und dennoch möchte natürlich niemand nachts ausgiebig aufwachen. Ein Kind zu bekommen ist eben auch die größte Verpflichtung unseres Lebens.

Für uns war das Modell immer das richtige. Ich hatte aber auch den Eindruck, dass das meine Mutter vor den Kopf gestoßen hat, die hier (ebenso wie sie selbst) von meiner Freundin erwartet hat, dass sie ihren Job aufgibt und sich um das Kind kümmert, während ich weiter Karriere mache. So langsam akzeptiert sie das nach einigen Gesprächen immerhin.

Wie teilt ihr Euch den „Mental Load„? Wie ist deine Einschätzung und wie ist die Einschätzung deiner Frau dazu?

Der Mental Load lag hier in dem halben Jahr, in dem meine Freundin bereits arbeitete und ich Vollzeit daheim war, bei 67 (ich) / 33 (sie). Als ich wieder anfing zu arbeiten, lag der Load sicher bei 50/50 – ich habe ja meine alten Gewohnheiten und Arbeiten einfach fortgeführt, nur eben mit weniger Zeit. Jetzt wo gerade mein neues Projekt anläuft und ich einen ganz neuen Rhythmus aufbauen muss, ist das leider gekippt und meine Freundin übernimmt viel mehr Arbeiten. Die alten Aufgaben übernehmen wir noch immer gleich verteilt, aber entwicklungsbedingt neue Aufgaben (etwa Frühstücksmüslibrei)  übernimmt meine Freundin fast vollständig derzeit. So liegt die Verteilung derzeit auf 33 (ich) / 67 (sie). Ich muss hier versuchen, mich in den Beruf wieder besser einzufinden und eine bessere Morgen-Routine mit der Kleinen zu übernehmen, aber das dauert länger.

Habt Ihr/hast Du Unterstützung (Babysitter, erweiterte Familie, etc.)? Wenn ja, welche?

Das ist leider etwas schwierig bei uns. Die Großeltern leben 2 bzw. 6 Stunden entfernt, ebenso Geschwister. Einen Babysitter haben wir leider noch nicht.

In den Krabbelgruppen haben wir einige Kontakte geknüpft und treffen uns hier öfters.

Beruf

Hast Du einen Job? In welchem Beruf arbeitest Du? Wie sind die Rahmenbedingungen (Arbeitszeiten, Schichten, Anfahrt, etc.)?

Ich arbeite in einem Technologie-Consulting-Unternehmen als IT-Projektleiter. Traditionell ist das eine Branche, in der zeitliche und räumliche Flexibilität erwartet wird. Ich selber habe ja in der Vergangenheit ebenfalls zeitweise 55 Stunden/Wochen gearbeitet und bin montags frühmorgens in die Projektstadt geflogen und erst donnerstags spätabends wieder zurückgekommen. Das ging so mit Kind nicht weiter.

Mein Arbeitgeber sieht zum Glück, dass eine bessere familiäre Vereinbarkeit wichtig für die Zufriedenheit der Mitarbeiter ist und hat in den letzten Jahren einige Initiativen dazu gestartet. So konnte ich ohne jegliche Probleme unkompliziert ein Jahr unbezahlte Auszeit nehmen und danach auf gleicher Position/Gehalt/… wieder zurückkommen. Ebenfalls konnte ich ohne Probleme mein Pensum auf 80% zurückschrauben. Und aufgrund meines guten Netzwerkes innerhalb der Firma orientiere ich mich nun an Kunden innerhalb der Stadt, sodass das lange Reisen wegfällt.

Kannst Du Arbeits- und Familienleben gut miteinander vereinbaren bzw. bist Du mit der Situation zufrieden?

Es geht so. Ich freue mich darüber, dass ich an manchen Tagen unsere Tochter morgens zur Kita bringen oder sie am frühen Abend abholen kann. Und besonders freue ich mich jeden Freitag über den gemeinsamen Tag mit ihr.

Zugleich ist das aber jedes Mal mit Mühe und Kompromissen verbunden und bei weitem nicht selbstverständlich. Beispiele:

  • Als ich mich für ein Projekt bei einem Kunden vorgestellt habe, hatte unsere zuständige Senior-Kollegin mir eindringlich geraten, meine Verfügbarkeit von „nur“ 80% nicht zu erwähnen. Ich wurde beschwichtigt, dass wir das doch hinterher besser klären könnten, wenn es soweit ist.
  • Bei meinem ganz neuen Projekt sieht mein Kunde offenbar meinen freien Freitag mit der Tochter auch eher als flexibel an. „You know, we all read mails on Saturdays and Sundays.“ Und bietet Termine an Freitagen an, obwohl er ja weiß, dass ich da nicht arbeite.
  • Firmeninterne Update-Telefonkonferenzen sind öfters am Abend. Das empfand ich früher immer als praktisch, weil es so keine Terminkonflikte mit Kundenterminen gab. Heute ist das immer mühsam, weil diese Telefonate genau zu der Zeit liegen, wo ich mit unserer Tochter spielen oder sie ins Bett bringen würde.

Was müsste sich an Deinem Job ändern, damit Du mehr Zeit mit deinen Kindern verbringen kannst?

Die Branche muss sich ändern. Solange „Consultants“ angesehen werden als junge karrieregeile Typen, die rund um die Uhr arbeiten und immer parat sind, wird Vereinbarkeit mit Kindern immer schwierig bleiben.

Was kann nach Deiner Meinung Dein Arbeitgeber dafür tun, dass du mehr Zeit mit deiner Familie hast?

Ich begrüße ausdrücklich die Schritte, die mein Arbeitgeber bereits auf einer unternehmensweiten Ebene unternommen hat. Ebenso freue ich mich über die Kollegen und Chefs, die damals durch und durch positiv reagiert haben auf die Ankündigung, dass wir ein Kind bekommen (und ich mir ein Jahr Auszeit dafür nehme) – wenngleich sie selbst trotz eigener Kinder diesen Schritt selbst nicht gehen würden und in manchen Aussagen ein ziemliches Unverständnis mitschwang. („Und was machst du während der ganzen freien Zeit?“)

Auf dieser individuellen Personen-Ebene würde ich mir zudem noch wünschen, dass das Unternehmen auch die anderen Leute öfters daran erinnert, dass sich die Gesellschaft wandelt.

Was könntest Du/was könntet Ihr selbst tun, damit du mehr Zeit mit deiner Familie hast?

Manchmal ärgere ich mich über zu wenig Mut, „Nein“ zu sagen und Dinge eben nicht am Abend zu machen oder am freien Papatag. Da muss ich konsequenter werden.

Was hält Dich/Euch davon ab, das zu tun?

Gewöhnung. Ich mache diesen Job seit > 10 Jahren. Bestimmte Verhaltensweisen sind in mir drin, auf die ich in Stressphasen doch noch hin und wieder zurückfalle.

Letzte Worte

Welche weiteren Gedanken zum Thema hast Du?

Wenn ich Leuten von meinem Jahr Vaterschaftszeit erzähle, antworten viele sehr positiv und es fallen Aussagen wie „Die Zeit vergeht ja so schnell!“ oder „Diese Zeit ist so toll!“. Aber wenn die anderen Väter das wirklich so sehen, warum machen sie es nicht selbst?

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Auf dem Frauenstreik – Foto bereitgestellt von Michael

Danke noch mal für diesen Einblick!  Die ungleiche Behandlung von Männern und Frauen ist in der Schweiz ein noch viel stärkeres Thema als in Deutschland. Im letzten Kanton erhielten Sie erst 1990 das Wahlrecht. Gestern kam es nun zum großen Frauenstreik. Ich bin gespannt, ob und was sich in der Schweiz in den nächsten Jahren ändern wird in Hinblick auf Gleichstellung von Männern und Frauen und auch bzgl. der Rechte von Vätern – da scheinen wir in Deutschland ein paar Schritte voraus.

Was meint ihr?

Viele Grüße,

Euer Falk

 

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